Museumsgebäude

Mit einer knapp 100jährigen Tradition als Druckbetrieb ist das Haus in der Nonnenstraße 38 heute ein aktiver Ort der Industriekultur. Im Gebäudekomplex sind Hülle und Inhalt aufs Engste vereint: eine für die Zeit ihrer Entstehung typische und für eine Druckerei entworfene Architektur beherbergt einen industriekulturellen Fundus zur Medien- und Druckgeschichte.

 

Die Historie des Hauses reicht bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Ab 1876 betrieb der Kaufmann Gustav Ludwig Oehmler in der Nonnenstraße 38 eine Fabrik für Strickmaschinen. Diese befand sich in einem Vorgängerbau auf dem heutigen Areal des Hintergebäudes (im Anschluss an die heutige Gleisstraße).

 

1908 erwarb der Lampenfabrikant Theodor Wilhelm Weickart die Gebäude, errichtete an ihrer Stelle die heutige Vierflügelanlage um einen Innenhof und richtete eine Fabrik für Petroleum- und Gaslicht-Brenner ein. 1915–1917 wurde das bis dahin zweigeschossige Gebäude an der Nonnenstraße dreigeschossig neu erbaut.

 

Die Seitenflügel sind ebenso wie das Vorderhaus aus Backstein gebaut und mit rotem Klinker verkleidet. Auffällig und auch typisch für den Baustil dieser Zeit ist die Gestaltung der Überfangbögen aus gelbem Klinker. Eindrucksvoll sind auch die beiden Fahrstuhltürme, die ebenfalls 1922 gebaut wurden und somit besonders augenfällige Symbole einer damals beginnenden neuen Ära sind. Die heute noch funktionstüchtigen Aufzüge sind ein Fabrikat der Plagwitzer Maschinenbau-Firma Unruh & Liebig. Der Fahrstuhl im öffentlich zugänglichen Treppenhaus ist eine Rarität, denn er verfügt über einen speziellen Brems-Mechanismus, der in Leipzig nur noch in einem weiteren Aufzug zu finden ist.

 

Zum Druckerei- und Verlagshaus wird die Nonnenstraße 38 ab dem 8. September 1921 als der vorhandene Gebäudekomplex durch die 1919 gegründete Leipziger Reisebuchhandlung Dr. Karl Meyer GmbH übernommen wird. Im Herbst 1922 verlegt die Dr. Karl Meyer GmbH ihren Sitz in die Nonnenstraße 38 und betreibt dort einen „Buch- und Kunstverlag, Reisebuchhandel, Druckerei und Buchbinderei sowie die Herstellung von Gegenständen des Kunsthandels“. Originale Fotografien (siehe rechts) aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts geben einen guten Einblick in die verschiedenen Abteilungen des Hauses. In dieser Zeit soll das Unternehmen bis zu 350 Beschäftigte gezählt haben.

 

Wohl aus repräsentativen Zwecken für das noch junge Unternehmen wurden die Innenräume des Vorhauses und dessen Fassade zur Nonnenstraße umgestaltet. Die Fassade wurde vom Architekten Edgar Röhrig in den Jahren 1922/23 neu gestaltet und ist heute eines der seltenen Beispiele des Art Déco im Leipziger Stadtbild. Die sachliche und zurückhaltende Gestaltung der Fassade des Vorderhauses wurde 1999 originalgetreu saniert und steht unter Denkmalschutz.

 

Nach dem 2. Weltkrieg existiert die Dr. Karl Meyer GmbH zunächst weiter. Zum 1. Januar 1953 geht das Privatunternehmen jedoch durch Zwangsverstaatlichung auf im VEB Offizin Haag Drugulin, der im Juni 1954 in VEB Offizin Andersen Nexö umbenannt wird. Unter dem Dach des VEB Offizin Andersen Nexö wurden bis in die 1970er Jahre mehrere Druckereien vereint, die bis 1990/1991 an verschiedenen Standorten in Leipzig, u. a. in der Nonnenstraße, produziert haben.

 

Mit der Gründung des Museums im Jahr 1994 wurde das Haus Nonnenstraße Stück für Stück zu einem Museum umgebaut, dessen besonderer Charakter bis heute die Verbindung mit einer aktiven Druckerei ausmacht.

 

Die Gebäudeanlage umschließt einen Innenhof, der mit einem Brunnen und Sitzbänken ausgestattet ist und im Sommer die Besucher zum Verweilen einlädt. Hier offenbart sich auch, was aus der Sicht von außen verborgen bleibt: die Fassaden des Gebäudeensembles sind hofseitig komplett verklinkert. Diese Fassadengestaltung ist typisch für das ehemalige Industrieviertel Plagwitz und findet sich bei zahlreichen Gebäuden in diesem Stadtgebiet wieder (z.B. Buntgarnwerke, Baumwollspinnerei, Konsum-Zentrale).

 

Noch heute spürt der Besucher, beim Betreten der 1922 errichteten Produktionsräume, dass hier seit rund neun Jahrzehnten das Druckgewerbe angesiedelt ist. Dank der Lage im Westen Leipzigs, also jenseits des ehemaligen grafischen Viertels im Osten der Stadt, hat das Haus den Bombenangriff im Dezember 1943 unbeschadet überstanden. Das Gebäude erzählt heute gewissermaßen seine eigene Geschichte und ist damit als Museum nicht nur ein höchst authentischer Ort der „Schwarzen Kunst“, sondern auch eine der letzten noch aktiven historischen Druckereien in Leipzig.